Pauline M'barek
Der berührte Rand

05.04.2014 – 10.08.2014

KIT – Kunst im Tunnel zeigt zur Quadriennale 2014 eine Einzelausstellung von Pauline M'barek (*1979). Für den Ausstellungsraum entwickelte die Künstlerin eine mehrteilige, auf die besondere Architektur des KIT zugeschnittene Rauminstallation, die sich in Form von Lichtprojektionen, Videos und Objekten mit Begrenzungen und ihren Berührungspunkten auseinandersetzt. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Erfahrung der Welt durch den eigenen Körper und seine Sinne. Schon beim Eintreten werden wir aus unserem selbstverständlichen, alltäglichen Empfinden gelöst und aufgenommen von einem Ort, an dem uns Schwellen statt Grenzen erwarten.

Pauline M'barek hat eine Atmosphäre der gegenseitigen Aufmerksamkeit geschaffen und den Moment der Berührung zwischen dem Menschen und dem zu betrachtenden Kunstobjekt ausgelotet ausgehend von der Vorstellung: Blicken wir in Erwartung einer Empfindung auf einen Gegenstand, ergreift das Sinnliche den eigenen Blick und dann den ganzen Körper. Oder, vereinfacht gesagt: was ich ergreife, ergreift mich auch. In einer Ausstellung mit Werken der Bildenden Kunst bedeutet dieses „ergreifen“ in der Regel nicht das haptische Berühren mit der Hand. In fast allen musealen Räumen gilt „Berühren verboten“. Ein visueller Kontakt über den Sehsinn ist gewollt, sogar gefordert; das Auge tastet das Objekt ab und erfasst seine Beschaffenheit, seine Ausstrahlung. Durch den Akt des bewussten Sehens wird das zur Besichtigung geschaffene und präsentierte Werk erst sichtbar.

Wir, die Betrachter, erleben an einer Art Kreuzung von Tasten und Sehen das Entstehen einer Kontaktfläche zwischen unseren Körpern und dem künstlerischen Objekt. An dieser Grenzlinie erfahren wir Nähe, die uns im Alltag im Wesentlichen durch die Hände - als Mittler zwischen Körper und Materie - zuteil wird. Durch ihre Präzision und Feinmotorik gilt die Hand als anatomisches Wunderwerk, als das Werkzeug aller Werkzeuge. Mit der Hand biegen, drehen, kneten wir Material und üben enorme Kraft aus. Zugleich ist die Hand jedoch auch das einzige Körperglied, das feinste, minimale Bewegungen ausführen kann. Im musealen Raum ist der dem Fernen und Abstrakten zugeordnete Sehsinn wichtiger.

„Der berührte Rand“ erforscht die Auflösung der Grenze zwischen Fern- und Nahsinn und lässt uns teilnehmen an optischen, materiellen und konzeptuellen Umstülpungen und Umkehrungen von Körpern und Verhältnissen.

Pauline M'barek hat dafür mit Licht und Schatten den Raum optisch gekippt und gefaltet, und erzeugt Spannung durch die Auflösung von stabilen Standpunkten. Die Ausstellung gleicht einem Parcours, der von einer weißen Linie durchzogen wird. Zusätzlich werden, aus verschiedenen Perspektiven in Nahsicht gefilmt, Videosequenzen an die Wand projiziert, in denen die Entstehung eines Gefäßes aus Ton an der Drehscheibe zu beobachten ist. Sie zeigen, wie durch die Rotation der Scheibe und die geschickten Berührungen des Randes instabile Rundformen entstehen, die verschiedene Verwandlungen durchlaufen. Wir können den Vorgang einer Formenentstehung beobachten und erleben, was in einem gewissen Zeitraum zwischen Materie und arbeitenden Händen entsteht: die Einheit von Form, Volumen und Kontur. Unser Blick ist gleichzeitig außerhalb und innerhalb dieser Einheit; so erleben wir das Gefäß als Körper, als Grenze, die einen leeren Raum schafft und ihn gleichzeitig umgibt.

„Der berührte Rand“ bekommt hier eine anschauliche, eine praktische Bedeutung. Durch das Halbdunkel des Raumes zieht sich auch ein meterlanges beleuchtetes Regal aus Spiegelglas. Über hundert amorphe Objekte liegen darauf, die sich bei näherer Betrachtung als Negativabdrücke verschiedener Handgriffe entpuppen. Der Raum, der sich beim Töpfern durch die Hände zum Gefäß formte, wird hier als Abdruck zum archäologischen Fundstück, das Fragen aufwirft: welcher Moment wurde hier „eingefroren“? Wird hier eine unsichtbare Form gehalten? Sehen wir ein Alphabet von Berührungsgesten? Ist ein Arbeitsprozeß abgebildet? Unser Auge trifft auf eine Landkarte von Linien, Flächen und Rillen. Erinnerungen werden geweckt an betende und arbeitende Hände, an verschiedene Handformen. Das Spiegelregal als Sockel verleiht den Objekten die nötige Betrachtungshöhe und definiert Raum und Umraum. Es verdoppelt die Handformen und konfrontiert uns mit einer visuellen Irritation, wenn sie beständig zwischen konkavem und konvexem Raum changieren.

In einem weiteren Video bewegt sich ein Handschuh wie von Geisterhand gewendet von der linken zur rechten Hand und lässt an Salvador Dalis letzte verbürgte Aussage denken: „Das Universum ist ein umgestülpter Handschuh.“
Im Kontext der Ausstellung demonstriert der Handschuh die Umstülpung der Innen-Außen-Verhältnisse und definiert unsere Position zu den gesehenen Bildern. Diese holen wir von außen nach innen, wo sie unser Inneres verwandeln und erweitern. Damit sind wir, die Betrachter, Teil eines Experiments: inmitten von Pauline M'bareks Installationen erleben wir einen beunruhigenden Seheindruck; unsere Neugier führt uns an die Grenze zwischen Licht und Dunkel, zwischen Sehen und Berühren.

Wir erkennen, dass der fokussierte, tastende Blick das Gegenteil vom umherschweifenden Sehen ist. Mit diesem Blick berühren wir den Rand der unfassbaren Dinge, einen Rand, der uns vielleicht unbekannt war und uns - über das Morgen und über diese Ausstellung hinaus - neue Perspektiven und, daraus resultierend, eine selbstbestimmtere Sicht auf die Welt eröffnet.

Gertrud Peters

Eine Ausstellung im Rahmen der Quadriennale Düsseldorf 2014